Aus der Sicht eines Opfers

Wie jedes Jahr so begann der Anreisetag Freitag mit (zu) früh aufstehen. Nach erholsamen 1,5 Stunden Schlaf packte ich noch die letzten Dinge, nahm noch ein kleines Frühstück zu mir und machte mich dann auf den Weg zu meinem ersten Etappenziel: Maik. Zu seiner Überraschung fand ich mich auch einigermaßen pünktlich bei ihm ein. Nach einem kurzen Aufenthalt sammelten wir noch Simon ein und schon ging es geleitet vom Tomtom in den Naturpark Thüringer Schiefergebirge-Obere Saale (im Weiteren „ Das Niemandsland“ genannt). Die etwa 350 km lange Route stimmte uns optimisch, am Nachmittag einzutreffen. Es kam ganz anders.
Bei Sonnenschein, der hier und da durch ein paar Wolken unterbrochen wurde, schwatzten wir munter über dies und das. Dann nickte ich ob der kurzen Nacht ein. Ich befand mich noch im betäubten Halbschlaf, als ich das Gespräch auf den Vordersitzen zu verstehen versuchte. Das Navi hatte uns mit verwirrenden Angaben über noch nicht existierenden Straßen im Stich gelassen. Zeit für den ersten Kontakt mit Einheimischen. In einer Werkstatt fand Maik wieder Orientierung bei einem vernetzten Mechaniker. Während Maik wieder zurück zum Auto stapfte konnte man im Gesicht des Einheimischen lesen: „Ihr werdet schon sehen, ihr naiven Fremden“. Es wurde dunkler, Regenwolken nahmen den gesamten Himmel in Besitz und dann begann es zu regnen. Bei Sicht 0 auf der Autobahn trieb Maik sein Fahrzeug immer weiter ins Niemandsland. Anonyme Lichter an einer grauen Wand aus Wasser gaben uns das Gefühl: wir sind nicht allein. Irgendwann verließen wir die Autobahn. Das Navi hatte unser Ziel wieder gefunden und Moni wurde per SMS benachrichtigt: noch 40 km. Es wurden lange 40 km. Zeit für das Besorgen von Proviant. Wir durchquerten viele Ortschaften bis wir auf eine Gelegenheit stießen. Maik steuerte einen Netto oder wie es auf traditional local heißt: Näddöh an. Nass aber voll beladen wurde das letzte Stück des Weges in Angriff genommen. Sklavisch folgten wir den Befehlen des Navi. „In 300m links abbiegen“ forderte es uns auf, nur war die Straße gesperrt und wir konnten nicht dort lang. Viele Kilometer Umweg und einige Minuten später, in denen das Navi zur Umkehr mahnte, fand es wieder einen Weg. Die Umgebung veränderte sich, wir verließen die Zivilisation. Kaskaden von Wasser machten unser Auto zu einem Boot, welches verloren durch bewaldete Täler und Berge schipperte. Jede Sekunde erwartete man einen Anhalter in einem dunklen Regenmantel am Straßenrand stehen zu sehen, der verirrten Reisenden auflauert, um sie in die Wälder zu verschleppen und unter nie gehörten Schreien dahin zu metzeln. Aber wir trafen auf zwei Gestalten, die in reflektierenden Regenmänteln vor einem Wagen mit kreisenden blauen Lichtern uns zwangen, einen anderen Weg zu nehmen als uns das Navi vorschrieb. Entnervt fügten wir uns dem Schicksal. Maik steurte seinen Wagen durch Orte, in denen selten Platz für zwei sich begegnenden Autos war. Die letzten Kilometer zogen sich lang dahin, dass man meinen könnte, sie würden nie enden. Dann hatten wir tatsächlich unser Ziel erreicht. Da stand auch Moni mit einem Regenschirm am Straßenrand oder war es nur ein Trugbild, dem ich zuwinkte. Wir wendeten und fanden endlich nach beinahe 7 Stunden die alte Schule, den Ort unseres Gildentreffens.
Im strömenden Regen entluden wir unser Gefährt und konnten nun alle anderen begrüßen. Es waren bekannte wie unbekannte Gesichter unter ihnen, die meisten schon gut dabei, mit Alkohol die Anreise vergessen zu machen. Grillgut schenkte schlappen Schiffsführern neue Kräfte. Und wie jedes Jahr so war auch wieder in diesem oft zu hören: „Den hab ich mir aber ganz anders vorgestell“. Genau das macht ein Gildentreffen aus: einst gemachte Vorstellungen über Bord zu werfen und sie durch realen Bezug zu ersetzen. Bier und Rum lösten die Stimmung und die Zungen. So plauderten wir den Abend und diskutierten in der Nacht. Manche versuchten vergebens die Alkoholvorräte zu vernichten, was zum Verlust der Sprechfähigkeit und zum säuerlichen Aromatisieren von Tür und Teppich führte. Bis zu den Morgenstunden schaffte es niemand und um 3 Uhr war es still in der alten Schule. Nach einem kurzen nicht erholsamen Schläfchen und einer nicht unbedingt erfrischenden Dusche ging man den Samstag an. Langsam machte sich Hunger breit und um halb 10 fehlte vom Organisator Rene jede Spur. So machten sich Moni, Marco und meine Wenigkeit auf den Weg, alles für ein zünftiges Frühstück zu besorgen. Nach dem sättigendem Frühstück tröpfelte der Tag mit einem Schwätzchen hier und einem Pläuschchen dort dahin. Nachzügler trafen ein, Nickerchen zollten Schlafmängel Tribut und Kartenspiele sorgten für Kurzweil. Eine Tischtennisplatte und ein Kicker befanden sich im Keller und halfen, Platz für massig Grillgut zu schaffen. Alle wurden beim mehrstündigen Abendessen satt und griffen alsbald zu Mixgetränken, Cola und natürlich Bier.
An diesem zweiten Abend unterhielt uns das beliebte wie gehasste Promispiel, bei dem jedem Mitspieler ein Klebezettel auf die Stirn getackert wurde, auf dem ein mit Ja/Nein-Fragen zu erratender Name stand. Ob Nostradamus oder Miss Piggy zu erfragen war, Gnade wurde nicht gezeigt. Die einen spielten Skat, die anderen quatschten – jeder hatte seinen Spaß. So gingen die Stunden dahin, Müdigkeit machte sich breit. So vernahm man in der zweiten Nacht wieder Schnarchen, auch wenn man gar nicht schlafen konnte.
Aufbruch- (Flucht-)stimmung machte sich am nächsten Morgen breit. Die Spuren der letzten beiden Tage wurden beseitigt und Abschied von den wachen Morgenmenschen genommen. Wieder ging ein zu kurzes Gildentreffen zu Ende. Wieder mit dem Schwur: Im nächsten Jahr kein Niemandsland.